Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


Seitenleiste

Sidebar

(0) 00:00 Texttafeln des WDR

(1) 00:41 Min. - Zitat Abbas vor dem EU-Parlament (x)

(2) 02:18 Min. - Umgang mit aktueller Forschung - Wagner(x)

(3) 03:21 Min. - Einordnung christlicher Kultur

(4) 05:13 Min. - Zitat von Annette Groth, Menschenrechtsbeauftragte "Die Linke"

(5) 07:51 Min. - Einsatz von wissenschaftlichen Expertisen - Prof. Dr. Schwarz-Friesel (x)

(6) 12:55 Min. - Geschichtliche Einordnungen - Mufti Al-Husseini

(7) 14:52 Min. - Geschichtliche Einordnungen - PLO

(8) 14:52 Min. - Finanzierung Arafat-Mausoleum

(9) 19:54 Min. - Geschichtliche Einordnung - Linke und Nationalsozialismus (x)

(10) 22:56 Min. - Geschichtliche Einordnung - Anschläge auf Araber

(11) 27:59 Min. - Anmerkungen zur Nakba Ausstellung (x)

(12) 28:26 Min. - NGOs auf dem evangelischen Kirchentag

(13) 28:52 Min. - Zahlen politischer NGOs in Westbank und Gaza

(14) 29:21 Min. - Vorwürfe gegen EAPPI

(15) 31:03 Min. - Vorwürfe gegen Brot für die Welt und B'Tselem

(16) 33:14 Min. - EU-Gelder und NGOs

(17) 33:43 Min. - Prof. Steinberg und NGO Monitor (x)

(18) 34:09 Min. - Die Deutschen Medien und der Nahost-Konflikt

(19) 37:48 Min - Der Gaza-Paris-Vergleich (x)

(20) 38:05 Min. - Vorwurf gegen World Vision

(21) 45:02 Min. - Hamas und EU-Hilfen

(22) 45:58 Min. - UNRWA-Geld veruntreut?

(23) 48:30 Min. - Bedeins Vorwürfe gegen UNRWA

(24) 49:30 Min. - Einordnungen zu Interviewpartner - Prof. Eugene Kontorovich (x)

(25) 52:14 Min. - Einordnungen zu Interviewpartner - Marc Bensimhon (x)

59:15 Min. - Frage WDR zu Laurent

(26) 01:16:08 Std. - Der Anschlag auf das Bataclan

(27) 01:19:08 Std. - Angriff auf Synagogen

(28) 01:20:05 Std. - Der Pariser Vorort Sarcelles

(29) 01:20:32 Std. - Angriff auf Synagogen in Sarcelles

Differenzen Dokumentation WDR-Bild

Fundstellen in der Dokumentation


Beispiele einseitiger Berichterstattung

Interne Links

gaza_paris.txt

19 - 37:48 Min – Der Gaza-Paris-Vergleich


Quelle: WDR

Filmtext:

Gaza

Vieles sieht hier aus wie in anderen islamischen Ländern, manches sogar besser. Die Fakten. 74 Jahre ist die Lebenserwartung eines Gaza Bewohners, höher als in Ägypten, der Ukraine und 125 weiteren Staaten. Die Kindersterblichkeit ist auf dem Niveau von der Türkei und damit niedriger als in 97 anderen Staaten, viele davon in Lateinamerika, wie beispielsweise Brasilien. Auf 360 Quadratkilometern leben 1,8 Millionen Menschen. Das entspricht durchschnittlich 5.000 Einwohnern pro Quadratkilometer. In Paris leben mehr als 21.000 Menschen pro Quadratkilometer.

Anmerkungen dazu:

Hier wird der gesamte Gaza-Streifen mit Paris-Stadt verglichen. Der Gazastreifen ist 360 Quadratkilometer groß. Paris-Stadt hat nur eine Fläche von rund 105 Quadratkilometern. Gaza-Stadt hat eine Fläche von 45 Quadratkilometern. Dort leben 12.202 Einwohner pro Quadratkilometer. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Film angegeben.


Transkription

WDR:
Vieles sieht hier aus wie in anderen islamischen Ländern, manches sogar besser. Die Fakten. 74 Jahre ist die Lebenserwartung eines Gaza Bewohners, höher als in Ägypten, der Ukraine und 125 weiteren Staaten. Die Kindersterblichkeit ist auf dem Niveau von der Türkei und damit niedriger als in 97 anderen Staaten, viele davon in Lateinamerika, wie beispielsweise Brasilien. Auf 360 Quadratkilometern leben 1,8 Millionen Menschen. Das entspricht durchschnittlich 5.000 Einwohnern pro Quadratkilometer. In Paris leben mehr als 21.000 Menschen pro Quadratkilometer.

Transkript:
Vieles sieht hier aus wie in anderen islamischen Ländern, manches sogar besser. Die Fakten. 74 Jahre ist die Lebenserwartung eines Gaza Bewohners, höher als in Ägypten, der Ukraine und 125 weiteren Staaten. Die Kindersterblichkeit ist auf dem Niveau der Türkei und damit niedriger als in 97 anderen Staaten. Auf 360 Quadratkilometern leben 1,8 Millionen Menschen. Das entspricht durchschnittlich 5.000 Einwohnern pro Quadratkilometer. In Paris leben mehr als 21.000 Menschen pro Quadratkilometer.

Der Text in der von Bild am 13.06.2017 ausgestrahlten Rohfassung ist identisch mit dem Transkript.


Beurteilung

Gaza - überbesiedelt, überbevölkert

Die in Frage stehende Behauptung kehrt regelmäßig mit einem inzwischen feststehenden Vokabular auf. Dabei heißt es, Gaza sei eine „der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt“, wobei stat Regionen gern auch der Begriff Gebiete verwendet wird. Insbesondere bei Israelkritikern wird daraus auch gern die „am dichtesten besiedelte Region der Welt“ 1), wobei der Superlativ nicht weiter hinterfragt wird, obgleich dies dringend notwendig ist, weil hinter Begriffen wie „am dichtesten besiedelt“ oder „überbevölkert“ nicht nur die Anklage gegen die „Besatzer“2) mit Assoziationen wie „Freiluftgefängnis“ steht, sondern in Konsequenz mehr Fläche für die Bevölkerung bereitgestellt werden müsste: „Volk ohne Raum“.

Bei einer Recherche bei Spiegel-Online mit den Suchbegriffen „gaza am dicht besiedelt“, der über das Archiv ungehinderten Zugriff auf alle Artikel des Spiegel seit Gründung ermöglicht, zeigt sich, dass diese Figur im Spiegel zuerst 1970 im Artikel „Nirgendwo sicher“ erscheint. Dort heißt es:

Auf dem nur 30 Kilometer langen und zehn Kilometer breiten Streifen, der zur Hälfte aus Dünen und Wüstensand besteht, drängen sich 400 000 Menschen; zwei Drittel von ihnen sind Palästina-Flüchtlinge, die in acht großen Lagern hausen. Damit gehört der Gaza-Streifen zu den am dichtest besiedelten Gebieten des Nahen Ostens -und zu den explosivsten.“3)

Immerhin fehlt hier der Hinweis auf die Welt, und die Autoren beziehen sich nur auf den Nahen Osten. Auf dem gleichen Gebiet leben heute 1,9 Millionen Menschen.

Die zeitlich nächste Fundstelle erscheint im Spiegel 1994. Nun wird tatsächlich mit der ganzen Welt verglichen:

Röed Larsen, Leiter des Instituts für angewandte Sozialforschung (Fafo) in Oslo, bereitete eine ausgedehnte Sozialstudie über die Lebensbedingungen im Gazastreifen vor - eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt, in der fast eine Million Menschen zusammengepfercht auf einer Länge von gut 40 und einer Breite bis zu 12 Kilometern leben.“4)

Ab 1995 wird die Gaza-Behauptung im Spiegel zunehmend angebracht.

In der Literatur und auf verschiedenen Webseiten finden sich jedoch, wenn auch weniger zahlreich, Widerlegungen der Behauptung. Im Buch „Das Wunder von Gaza“ von Eli Lasch heißt es im Epilog:

Es gibt Menschen, die behaupten, dass Gaza eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt sei. Aber nach dem 'Statistical Abstract of the US' von 1993, beträgt die Bevölkerungsdichte von Gaza 4798 Menschen pro Quadratmeile, die Zahl für Singapur ist 11.731, für Gibraltar 13.601, für Macao 77.352 und für Monaco 40.155. Selbst Tel Aviv hat eine Bevölkerungsdichte von 17.660 pro Quadratmeile.5)


Fläche oder Stadt

Siedlungsgebiete können in verschiedenster Weise verglichen werden. Für die Zulässigkeit des Vergleichs mit Paris und die Einbeziehung von Gaza-Stadt wird die Unterscheidung nach Flächenstaat6) und Stadtstaat7) notwendig. Grundsätzlich stellen beide Begriffe zunächst nur in sich geschlossene Verwaltungseinheiten dar. So sind etwa Singapur, Bremen und Berlin Stadtstaaten, unabhängig von einer Anerkennung von der UNO. Damit kann die geographisch geschlossene Verwaltungseinheit Gaza-Streifen abseits der Frage künftiger palästinensischer Staatlichkeit betrachtet werden. Die Besiedlungsdichte des Gaza-Streifens ist tasächlich wesentlich höher als die typischer Flächenstaaten. Sinnvollerweise kann der Gaza-Streifen hinsichtlich der Besiedlung nur mit Stadtstaaten verglichen werden. Zusätzlich können, da im Gaza-Streifen verschiedene Städte liegen, auch diese verglichen werden, und endlich ist auch eine Betrachtung einzelner Stadtteile möglich und sinnvoll.


Kritik der Gaza-Bevölkerungsdichte in der Dokumentation

In der Dokumentation wird als Bevölkerungsdichte ein Wert von 5.000 E/km² angegeben. Dabei liegt verlässlich eine Landfläche von 360 km² für den Gazastreifen zugrunde. Die Einwohnerzahl wird mit 1,8 Millionen angegeben. Die UNWRA gibt aktuell für das Jahr 2016 eine Gesamtbevölkerung von 1,9 Millionen8) an. Danach läge die Bevölkerungsdichte 2016 bei 5.278 E/km². Das CIA-Factbook weist für das Jahr 2016 eine Einwohnerzahl von 1.753.3279) aus. Dies entspräche 4.870 E/km².

Damit liegt die in der Dokumentation gewählte Bevölkerungsdichte in der Mitte zwischen beiden Angaben und ist damit akzeptabel.


Vergleich Gaza und Stadtstaaten

Hier werden zum Vergleich bestehende Stadtstaaten aufgeführt. Da die Begrifflichkeit des Stadtstaates keine eigene Staatlichkeit bedingt, können auch Sonderwirtschaftszonen bemüht werden.

Stadtstaat Bevölkerungsdichte [E/km²]
Macau 20.997 10)
Monaco 18.944 11)
Singapur 7.799 12)
Hongkong 6.429 13)
Gaza-Streifen 5.000

Vergleich Gaza und Gaza-Stadt mit Städten

Die folgende Übersicht schließt die zuvor genannten Stadtstaaten ein.

Stadt Bevölkerungsdichte [E/km²]
Kairo 47.805,4 14)
Manila 42.858 15)
Pateros 36.068 16)
Vijayawada 31.289 17)
Caloocan 29.774 18)
Dhaka 29.104,7 19)
Levallois-Perret 26.407 20)
Makati 26.810 21)
Vincennes 26.018 22)
Bnei Brak 25.790 23)
Saint-Mandé 24.941 24)
Le Pré-Saint-Gervais 24.764 25)
Bally 24.722 26)
Saint-Josse-ten-Noode 24.036 27)
Pasig 24.008 28)
Kalkutta 23.951 29)
Damaskus 23.827 30)
Mogadishu 23.544 31)
Neapoli 23.188 32)
Malé 23.002 33)
Malabon 22.902 34)
Montrouge 22.608 35)
Pasay 22.345 36)
Guttenberg 22.043 37)
Kallithea 21.192 38)
Paris 21.067 39)
Mislata 20.789 40)
Macau 20.997 41)
San Juan 20.814 42)
Nea Smyrni 20.736 43)
Sanaa 20.439 44)
Mumbai (Bombay) 20.680 45)
West New York 20.445 46)
L'Hospitalet de Llobregat 20.336 47)
Colombo 20.182 48)
Saint Gilles 20.102 49)
Union City 20.004 50)
Boulogne-Billancourt 18.983 51)
Monaco 18.944 52)
Teheran 18.506 53)
Quezon City 17.759 54)
Seoul 16.456 55)
Bandung 15.360 56)
Chittagong 15.357 57)
Tokio 15.146,9 58)
Jakarta 14.494,2 59)
Buenos Aires 14.308 60)
Gaza-Stadt 12.202 61)
Delhi 11.320 62)
New York 10.756,4 63)
Hyderabad 10.477 64)
Lagos 10.408,5 65)
Algier 7.908,6 66)
Singapur 7.799 67)
Sao Paulo 7.389,1 68)
Karatschi 7.276 69)
Tripolis (Libyen) 7.120 70)
Jerusalem 6.917,1 71)
Hongkong 6.429 72)
Shenzhen 6.263,2 73)
Tel Aviv-Jaffa 6.184 74)
Mexico-Stadt 5.920 (Stadt) 75)
Tripoli (Libanon) 5.557 76)
Vancouver 5.507 77)
Rio de Janeiro 5.439,9 78)
London 5.432 79)
Gaza-Streifen 5.000
Gibraltar 4.874 80)
Montreal 4.671 81)
München 4.668 82)
Moskau 4.583 83)
Riad 4.023 84)
Berlin 3.948 85)
Shanghai 3.630,5 86)
Sankt Petersburg 3.410 87)
Los Angeles 3.233,9 88)
Sydney 3.008 89)
Freetown 2.941,2 90)
Istanbul 2.711 91)
Peking 1.279,2 92)

Aufgrund unsicherer Daten wurden die Städte Hama93), Chennai94), Howrah95) und Karatschi96) nicht aufgenommen97). Eine Sonderstellung nimmt die Stadt Shibam98) im Jemen ein, die als erste Wolkenkratzerstadt gilt. In der deutschen Wikipedia wird die Population mit 13.316 Einwohner angegeben, wobei offenbar nur 7.000 im historischen Stadtteil wohnen. Ein zuverlässiger Zeuge sollte Jean-François Breton sein, der Leiter der archäologischen französischen Mission im Südjemen war99). Er gibt 1986 eine Einwohnerschaft von 7.000 Personen auf einer Grundfläche von etwa 250 m zu 380 m an. Das ergibt eine Einwohnerdichte 73.684 E/km².

Zugegebenermaßen sind Vergleiche wie dieser unscharf. Zum einen sind die aufgeführten Städte willkürlich ausgewählt. Das Datenmaterial ist veraltet und unzuverlässig. Eine Top-Ranking-Liste100) der zehn Städte mit der weltweit höchsten Bevölkerungsdichte von deutschen Statistikexperten führt Kairo überhaupt nicht auf und gibt die Dichte in Dhaka mit 44.100 E/km² an. Will man die Bevölkerungsdichte mit anderen Quellen prüfen, stellt man fest, dass eine weitere Quelle für Dhaka 101) eine Bevölkerungsdichte von 43.797,3 E/km² angibt. In einem anderen Fall ist die Bevölkerungsdichte dort erheblich vermindert, weil eine unzutreffende Grundfläche zugrunde gelegt wurde. Aus diesem Grund werden Angaben aus Wikipedia zugrunde gelegt, da diese trotz aller ihrer Schwächen prüfbar sind. Weitere dicht besiedelte Städte sind mit etwas Aufwand zu finden: Hier gibt es z.B. ein Ranking US-amerikanischer Städte nach Bevölkerungsdichte. Danach liegen 57 Städte in den USA oberhalb der 5.000 E/km²-Schranke für den Gaza-Streifen und 4 Städte verfügen über eine höhere Bevölkerungsdichte als Gaza-Stadt.

Städte verändern sich. Insbesondere die Millionenstädte in den Entwicklungs- und Schwellenländern verzeichnen ein Bevölkerungswachstum aus Reproduktionsrate und Zuwanderung, so dass mit dort mit steigenden Bevölkerungsdichten gerechnet werden muss. Gelingt es Städten, neues und unbewohntes Land zu gewinnen, muss natürlicherweise die Bevölkerungsdichte fallen.

Gäbe es ein vollständiges und aktuelles Ranking der städtischen Bevölkerungsdichten, könnte man für Gaza-Stadt und Gaza sicher einen Platz angeben. Die Formulierung „eines der am dichtesten bevölkerten Gebiete weltweit“ ist aber bewußt unscharf: Weder gibt es einen zahlenmäßigen Bezug für dicht bevölkerte Gebiete im Sinne einer Definition, wonach etwa Bevölkerungsdichten ab 20.000 E/km² im weltweiten Vergleich als „dicht bevölkert“ gelten, noch bedeutet die Formulierung, dass willkürlich die ersten 10, 20 oder 50 Städte eines Rankings als dicht besiedelt angesehen werden müssten.

Die tabellarischen Übersichten müssen daher - trotz aller Zahlenwerte - nicht quantitativ, sondern qualitativ betrachtet werden. Es gibt eine erhebliche Anzahl von Stadtstaaten und Städten, die eine teilweise erhebliche höhere Bevölkerungsdichte aufweisen als der Gaza-Streifen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Städten, die über eine höhere Bevölkerungsdichte verfügen als Gaza-Stadt. Zu den Städten mit erheblich höheren Bevölkerungsdichten gehören Kairo und Teheran, die zumindest mit dem ägyptischen Kairo im gleichen Kulturkreis liegen wie der Gaza-Streifen. Der qualitative Unterschied zwischen Kairo und anderen Städten zu Gaza besteht darin, dass die Bevölkerungsdichte im Gaza-Streifen als „zu dicht“, auch „übervölkert“ beschrieben wird, während die Bevölkerungsdichte in Kairo, vier mal so hoch wie in Gaza-Stadt und neun mal so hoch wie im Gaza-Streifen, kaum eine vergleichbare Aufmerksamkeit genießt.

Selbst die UNWRA als UN-Behörde erhebt nicht den Vorwurf, Gaza sei eines der „am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt“. Stattdessen schreibt die UNWRA:

„Over half a million Palestine refugees in Gaza live in the eight recognized Palestine refugee camps, which have one of the highest population densities in the world.“

„Über ein halbe Million palästinensischer Flüchtlinge in Gaza lebt in acht offizielle palästinensischen Flüchtlingslagern, welche über eine der höchsten Bevölkerungsdichten der Welt verfügen.“

Und hier kommen wir endlich in der Realität an.


Bevölkerungsdichten in den Flüchtlingslagern in Gaza

Die Datenbasis zur Ermittlung der Bevölkerungsdichten in den UNWRA-Lagern ist ungenügend. Da die palästinensische Autonomiebehörde keine Statistiken zu den Lagern führt, unterstehen diese doch direkt der UN, können nur die UNWRA-eigenen Daten herangezogen werden. Die UNWRA102) teilt zu allen Lagern im Gaza-Streifen die Bevölkerungszahlen für das Jahr 2016 mit, gibt aber nur für einen Teil der Lager die Fläche an. Weitere Angaben können dem „Gaza Urban Profile“ der UN-Organisation UN Habitat103) entnommen werden, die nach dem Gaza-Konflikt 2014 die Schäden an der Infrastruktur im Gaza-Streifen untersucht hat.

Zwischen den Angaben der UNWRA und UN Habitat gibt es Differenzen. So wird die Fläche des Djabalia-Lagers von der UNWRA mit 1,4 km² angegeben, UN Habitat rechnet mit 1,04 km². Die angegebenen Bevölkerungszahlen differieren für die Lager erheblich, da der Report von UN Habitat Zahlen aus dem Zensus von 2007 zugrunde legt. Für das Deir El-Balah Camp gibt UN Habitat eine Bevölkerungsdichte von 33.371 E/km² an, obwohl sich aus Einwohnerzahl und Fläche rechnerisch eine Dichte von 44.494 Einwohner ergibt. Auch die Grundfläche für das Beach-Camp differiert erheblich (UNWRA: 0,52 km², UN Habitat: 0,82 km²). Trotz der Ungenauigkeiten werden nachfolgend die ermittelten Bevölkerungsdichten angegeben, um zumindest einen Trend zu erhalten.

2016-Quelle: UNWRA und weitere 2014-Quelle: UN Habitat, Zensus 2007
Camp Bevölkerung Fläche [km²] Dichte Bevölkerung Fläche [km²] Dichte
Beach Camp 84.077104) 0,52105) 161.687 42.349106) 0,82107) 51.645I108)
Bureij Camp 41.088109) 0,50110) 82.176 29.867111) 0,73112) 40.914113)
Deir El-Balah Camp 24.525114) 0,16115) 153.281 8.009116) 0,18117) 44.494118)
Jabalia Camp 119.486119) 1,40120) 85.347 54.123121) 1,04122) 52.041123)
Khan Younis Camp 84.325124) 1,00125) 84.325 46.059126) 1,00127) 46.059128)
Maghazi Camp 30.101129) 0,60130) 50.168 19.998131) 0,55132) 36.360133)
Nuseirat Camp 77.671134) 0,96135) 80.907 34.950136) 0,96137) 36.406138)
Rafah Camp 120.526139) 1,36140) 88.622 43.405141) 1,36142) 31.915143)

Wird für das Beach-Camp die Fläche von UN Habitat zugrunde gelegt, ergibt sich eine aktuelle Bevölkerungsdichte von 102.533 E/km².

Bei den vorliegenden Zahlen handelt es sich um sehr hohe Bevölkerungsdichten. Hohe Bevölkerungsdichten in Agglomerationen sind allerdings nicht unüblich. So liegt die Bevölkerungsdichte des ursprünglich als Schlafviertel geplanten Berliner Stadtteils Hellersdorf mit 9.782 E/km²144) über der allgemeinen Berliner Bevölkerungsdichte von 4.469 E/km²145). Die Frage lautet, ob es andernorts vergleichbar hohe Bevölkerungsdichten gibt.

Die Datenlage zu den dicht besiedelten Vierteln Kairos ist schlecht (so enthält eine Übersicht der Stadtviertel von Kairo und Umgebung keine Flächenangaben146) ). Das Auswärtige Amt gibt zu Ägypten und Kairo an:

„Bevölkerung: 92 Millionen; das Niltal und -delta zählen zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt (1.120 Einwohner/qkm; Kairo: 28.500 -120.000 Einwohner/qkm).147)

Das amerikanische Tourismusunternehmen Tour Egypt schreibt in einer Darstellung des Stadtteils Shubra:

„In some inner areas of Shubra, the population density is 75,000 per square kilometre.“148)

Bei Fouad N. Ibrahim und Barbara Ibrahim heißt es in „Egypt: An Economic Geography“149):

„If we make spatial differentiation in considering the development of Greater Cairo's population, we find that the situation in the periphery of the town differs substantially from that in its centre:

  • The increase was greater in outer than in central parts. Shubra el-Kheima, a northern suburb, had an annual growth rate about 6 per cent in the decade 1976-86, whereas the govenorate of Cairo, to which the inner parts of the town belong, increased only by 1.75 per cent annually.
  • In terms of population density, the picture is similar. Even in the governorate of Cairo we find an immense increase in the suburbs, compared to a decrease in the town centre. In Helwan, south of Cairo, the population grew from about 20,000 inhabitants/km² in 1977 to nearly 90,000 in 1994, while in Bab esh-Shariya, situated in the centre of the town, the population decreased from just under 110,000 inhabitants/km² to slightly over 80,000 (CAPMAS 1994d: 20). In early 1994 the quarters of Esh-Sharabiya and Es-Zawya el-Hamra, close to the main station, had the highest population density, amounting to nearly 110,000 inhabitants/km². In 1996 the population density of the governorate of Cairo was 31,780 inhabitants/km².“

„Wenn wir eine räumliche Unterscheidung in Bezug auf die Entwicklung der Population des Großraums Kairo vornehmen, erkennen wir, dass sich die Situation an der Peripherie der Stadt substantiell von der in ihrem Zentrum unterscheidet:

  • Der Anstieg war in den äußeren Stadtteilen höher als in den inneren. Shubra el-Kheima, eine nördliche Vorstadt, verfügte über eine jährliche Wachstumsrate von 6% während der Dekade 1976 bis 1986, während das Gouvernement Kairo, zu dem die inneren Stadtteile gehören, nur mit 1,75% jährlich wuchs.
  • In Bezug auf die Bevölkerungsdichte ist das Bild ähnlich. Sogar im Gouvernement Kairo finden wir einen immensen Anstieg in den Vororten, verglichen mit einer Verminderung im Stadtzentrum. In Helwan im Süden Kairos wuchs die Bevölkerung von etwa 20.000 Einwohnern pro km² im Jahr 1977 bis fast 90.000 im Jahr 1994, während in Bab esh-Shariya , im Zentrum der Stadt gelegen, sich die Einwohnerschaft von etwas unter 110.000 Einwohner pro km² auf etwas über 80.000 verminderte (CAPMAS 1994d: 20). Im frühen Jahr 1994 hatten die Stadtviertel Esh-Sharabiya und Es-Zawya el-Hamra in der Nähe des Hauptbahnhofs die höchste Bevölkerungsdichte, in Höhe von fast 110.000 Einwohner pro km². 1996 lag die Bevölkerungsdichte des Gouvernements Kairo bei 31.780 Einwohner pro km².“

Der Exkurs nach Kairo soll verdeutlichen, dass die hohen Bevölkerungsdichten, am Beispiel des Deir El-Balah-Camps ca. 153.000 E/km² (die Zahl für das Beach Camp ist aufgrund unterschiedlicher Flächenangaben nicht verlässlich) auch andernorts in der Welt auftreten. Damit ist keine Aussage über die Lebensqualität der Einwohner dieser dicht besiedelten Gebiete verbunden; diese ist wie auch der Begriff der Überbevölkerung150) zuerst davon abhängig, ob die Versorgung der Bevölkerung nachhaltig gewährleistet werden kann.

Ergänzung: Die höchste bisher festgestellte Bevölkerungsdichte war im Hongkonger Stadtteil Kowloon Walled City151) anzutreffen und betrug 1,3 Millionen Einwohner pro Quadratkilometer. Der Stadtteil wurde auch als „Stadt der Dunkelheit“ bezeichnet. Dieser Stadtteil existiert heute nicht mehr.


Anstieg der Bevölkerungsdichte im Gaza-Streifen

Das US-amerikanische Census Bureau152) (USCB) stellt für den Gaza-Streifen Bevölkerungsdaten ab 1950 zur Verfügung. Daraus ergeben sich auszugsweise folgende Einwohnerzahlen und Bevölkerungsdichten153):

Jahr Bevölkerung Bevölkerungsdichte [E/km²]
1950 245.375 681,6
1960 308.158 856,0
1970 342.656 951,8
1980 455.360 1.264,9
1990 645.133 1.792,0
2000 1.127.829 3.132,9
2010 1.502.546 4.173,7
2017 1.795.183 4.986,6

Bevölkerungsentwicklung im Gaza-Streifen
Bevölkerungsentwicklung im Gaza-Streifen, 1950-2017

Bevölkerungsdichte im Gaza-Streifen
Bevölkerungsdichte im Gaza-Streifen, 1950-2017

Bevölkerungswachstum [%] und Fertilität im Gaza-Streifen
Bevölkerungswachstum [%] und Fertilität im Gaza-Streifen, 1950-2017 (Daten für Fertilität erst ab 1997). Die Angaben des Jahreszeitraums (z.B. 1950-1951) für das Wachstum wurden dem ersten Jahr (1950) zugeschlagen.

Die Einwohnerzahl ist im Gaza-Streifen nahezu ständig angestiegen. Nach den Daten des USCB gab es 1961 eine Bevölkerungsrückgang um 7.338 Personen sowie 1968 und 1969 einen Rückgang um 24.787 und 7.713 Personen. Ausgehend vom ersten Erfassungsjahr 1950 mit 245.375 Einwohnern ergibt sich eine Verdoppelung der Einwohner im Laufe des Jahres 1982, also nach 32 Jahren. Die Verdoppelung der Einwohnerzahl von 1982 wird im Jahr 1996 erreicht, also bereits nach 14 Jahren. 1996 gehört auch zu einer Periode, in der ein sehr hohes Bevölkerungswachstum verzeichnet wurde: 1993 bis 1996 über 7%. Danach ebbt das Wachstum etwas ab, die nächste Verdoppelung tritt 2017 (Daten der palästinenischen Statistikbehörde - PCBS) oder 2018 auf, nun nach ca. 21 Jahren. Nach den auf Daten von 2016 beruhenden Angaben von Lexas154) ist derzeit die höchste Wachstumsrate im Südsudan mit 4,02% zu finden, die weit unter der Wachstumsrate der Mitt-Neunziger in Gaza liegen. Dort wird die Wachstumsrate in Gaza aus 2016 mit 2,81% angegeben, womit Gaza aktuell den Weltrang 13 belegt. Das USCB gibt für 2016 2,36% an, das PCBS überraschenderweise einen Wert von 3,3%.

Während der starken Wachstumsphase in den Neunzigern lag die Fertilitätsrate im Gazastreifen bei 6,2 Kindern pro Frau. Gegenwärtig liegt sie 4,3 nach USCB und 4,5 nach PCBS.

Die hohe Bevölkerungsdichte im Gazastreifen ist der hohen Bevölkerungswachstumsrate geschuldet. Hierzu ausnahmsweise die Wikipedia155):

„Unter einer Bevölkerungsexplosion versteht man ein besonders rasches Bevölkerungswachstum mit einer jährlichen Wachstumsrate von mehr als 2,5 %. Es entsteht, wenn bei niedrigen Sterberaten die Geburtenraten bei meist religiös oder politisch hergestellter Unfähigkeit der Frauen zur Geburtenkontrolle zwischen 3 und 10 Kindern pro Frauenleben liegt. Dies führt meist zu einem youth bulge, der sich bei gleichzeitig fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Männer in Migrationswellen und/oder Gewalt (Bürgerkriege, Völkermorde, Kriege, Kriminalität) entladen kann.“


Fazit

Der WDR bemängelt den Gaza-Paris-Vergleich, da Paris „nur“ über etwa ein Drittel der Fläche des Gaza-Streifens verfügen würde. Mit anderen Worten, der Vergleich wäre unzulässig, weil ein dreimal so großes Paris wohl nicht vorstellbar wäre. Tatsächlich kann man den Vergleich kritisieren, der nicht als städtebauliches und raumplanerisches Seminar gedacht war, sondern die regelmäßig wiederholte Behauptung, Gaza sei „eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt“ widerlegen sollte, eben weil der Gazastreifen als Gebiet mit einer Stadt verglichen wird. Die oben aufgeführten Daten zeigen aber, dass die vom WDR bemühte Bevölkerungsdichte von Gaza-Stadt im weltweiten Vergleich nicht unüblich ist. Einige der o.a. Städte verfügen über höhere oder vergleichbare Grundflächen wie der Gaza-Streifen: Hongkong (1.104 km² Landfläche), Singapur (719,2 km²), Teheran (716,9 km²), Jakarta (661 km²), Tokio (622 km²), Seoul (605 km²), Mumbai (603,4 km²), Dhaka (306 km²). Die Filmemacher hätten Gaza statt mit Paris auch mit Teheran oder Mumbai vergleichen können, die eine wesentlich höhere Grundfläche als Gaza aufweisen und mit 18.506 bzw. 20.680 E/km² über eine ähnliche Bevölkerungsdichte wie Paris (21.067 E/km²) verfügen. Damit wäre der Einwand des WDR hinfällig.

Der von den Filmemachern gewählte Vergleich mit Paris als einer europäischen, vielen Zuschauern bekannten und erfolgreichen Stadt ist für den Zuschauer anschaulicher als ein Vergleich mit Mumbai.


Fundstellen

1)
Institut für Palästina-Kunde e.V.: „Die Behauptung, Gaza sei nicht der am dichtesten besiedelte Ort der Welt ist ebenso irrelevant wie betrügerisch.“
Palästinesische Mission: „Der Gaza-Streifen ist der bevölkerungsreichste Platz der Erde.“ Diese Behauptung ist ganz aus der Luft gegriffen, weil sie sich nicht auf die Bevölkerungsdichte, sondern die Gesamtbevökerung bezieht.
2)
Israel hat sich 2005 aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen, einschließlich Umsiedlung von 8.500 jüdischen Einwohnern.
3)
Spiegel 48/1970 Siehe dort auch die Schilderung der Lebensverhältnisse unter der vorangegangenen ägyptischen Besatzung. Die Bevölkerungsdichte betrug im Jahr 1970 für den Gazastreifen 952 E/km².
4)
Spiegel 7/1994 Die Bevölkerungsdichte betrug im Jahr 1970 für den Gazastreifen 2.271 E/km². In der umfangreichen Studie zur Situation der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten wird für 1987 angegeben, dass die Bevölkerungsdichte im Großraum Gaza- Stadt 5.000 E/km² betrüge, in Jerusalem Ost ca. 2.700 und in Gaza gesamt ca. 1.700.
10) , 41)
https://de.wikipedia.org/wiki/Macau Schätzung für Ende 2015
21)
https://en.wikipedia.org/wiki/Makati 582.602 E auf 21,73 km²
28)
https://en.wikipedia.org/wiki/Pasig 755.300 E auf 31,46 km²
30)
https://de.wikipedia.org/wiki/Damaskus Daten von 2010. Die Metropolregion weist überraschend eine höhere Bevölkerungsdichte von 26.968 E/km² auf. Die Bevölkerungsdichte des Gouvernements Damaskus wird von Geo-Ref.net für 2008 mit 16.704,8 E/km² angegeben (1,754 Mio E auf 105 km²).
53)
https://de.wikipedia.org/wiki/Teheran 13,267 Mio auf 716,9 km²
56)
https://en.wikipedia.org/wiki/Bandung 2.575.478 E auf 167,67 km ²
57)
https://en.wikipedia.org/wiki/Chittagong 2.581.643 E auf 168,07 km², Daten von 2011
69)
https://en.wikipedia.org/wiki/Karachi 27,5 Mio E auf 3.780 km²
70)
https://de.wikipedia.org/wiki/Tripolis 1,78 Mio E auf 250 km², Daten von 2007
76)
https://en.wikipedia.org/wiki/Tripoli,_Lebanon 227.857 E auf 41 km², Daten nicht prüfbar
81)
https://de.wikipedia.org/wiki/Montreal 1,698 Mio E auf 363,52 km²
118)
Eigene Berechnung. UN Habitat gibt fälschlicherweise 33.371 E/km² an.
153)
Es sei darauf hingewiesen, dass während der israelischen Besetzung ein Teil des Gazastreifens der palästinensischen Bevölkerung nicht zugänglich war. Das ist in den Daten offenkundig nicht berücksichtigt und bezüglich der Bevölkerungsentwicklung nicht ausschlaggebend.
gaza_paris.txt.txt · Zuletzt geändert: 2017/09/01 21:41 von engineer